Stille Nacht geht echt anders!

 

Da saßen sie wieder, wie an jedem trostlosen Heiligabend, den sie in männerfreundschaftlicher Glühwein-mit-Spekulatius-Runde unter der verkrüppelten, jedoch liebevoll mit bunten Papierschnipseln dekorierten Weihnachtsbirke verbrachten. Auch Gabi, die einzige stumme Zuseherin, wurde auf ihrem Stammplatz drapiert und mit einem Spanngurt fixiert. Dies war auch dringend notwendig, denn im letzten Jahr sackte Gummi-Gabi unverhofft auf ihrem Stuhl zusammen und fiel mit dem Gesicht direkt in den vor ihr auf dem Tischersatz aus Bierkisten liegenden Weihnachtskranz. Kurzerhand transplantierten ihr der stotternde Paul, der einfühlsame Kurt und der zu klein geratene Sören ein neues Gesicht. Sören war früher Schönheitschirurg, bis die Staatsanwaltschaft eines Tages herausfand, dass er nicht einmal einen Schulabschluss hatte. Spenderin für das neue Gesicht war die „heiße Elfriede“, Gabis aufblasbare Vorgängerin, die viele Jahre lang ihren treuen Dienst erwies. Um diesmal ein erneutes Zusammensacken Gabis zu verhindern, beschlossen die drei Weihnachtsfreunde, Gabi vollständig aufzupumpen und den Spanngurt zu verwenden. Sicher ist sicher.

Gemäß langjähriger Tradition kommt beim Treffen dieser drei Spacken immer – ja wirklich immer – jemand zu Schaden. Vor acht Jahren, beim ersten Weihnachtsglühen, verlor Paul ein Auge, nachdem seine beiden Freunde ihm Elfriedes Brüste ins Gesicht drückten. Man hatte im Alkoholrausch wohl vergessen, dass die Brustwarzen mit Reißzwecken beklebt wurden – natürlich mit der Spitze nach vorn – um Friedel als Pinnwand-Girl zu nutzen. Ein Jahr später erlitt Sörens Opa beim Anblick der neuen gummierten Escort-Dame Gabi einen Herzinfarkt, sodass sich die einst aus vier Männern bestehende Runde verkleinerte. Vor sechs Jahren brach sich Sören ein Bein, weil Kurts Karnickel sein Futter im Raum verteilte und er darauf ausrutschte. Vor fünf Jahren ist Karnickel Otto deshalb aus Sicherheitsgründen in der Bratpfanne gelandet. Vor vier Jahren brach sich Kurt beim Popeln den Zeigefinger und musste in der Notaufnahme behandelt werden. Ein Jahr später ging die Weihnachtsbirke in Flammen auf, nachdem die mit Klebestreifen geflickte Lichterkette einen Kurzschluss verursachte. Im vorletzten Jahr musste Wellensittich „Alzheimer“ dran glauben, nachdem er beim Stuhltanz versehentlich noch vor Paul auf dessen Stuhl platznahm und im letzten Jahr traf es eben Gabis Gesicht. Doch was in diesem Jahr passierte, würde das Weihnachtsfest für alle Zeit und für jede Familie auf Erden verändern.

Es war kurz nach dreiundzwanzig Uhr. Die drei heiligen Schnapsleichen waren bereits randvoll mit Glühwein und Korn betankt, als draußen laute Schritte zu hören waren. Jemand klopfte an die Garagentür und meinte mit tiefer, rauer Stimme: „Ho ho ho. Von draußen vom Walde … Den Rest weiß ich nicht mehr … Es bleibt mir zu sagen, die Geschenke sind leer.“ Paul, Kurt und Sören erstarrten auf ihren Stühlen. Gabi schaute nur ungläubig drein, sagte jedoch kein Wort. Sie war eigentlich immer recht schweigsam, was die Männer als angenehm empfanden. Die Tür öffnete sich langsam, sodass der Weihnachtsmann zum Vorschein kam. Als er soeben den Geschenkesack in die Garage schleppen wollte, geschah es. Auch Gabi hatte sich offenbar erschrocken, sodass sich eine der Pinnwandnadeln langsam von der rechten Brust löste und wie eine winzige Rakete quer durch den drei Quadratmeter kleinen Raum schoss, knapp an Pauls übriggebliebenen Auge vorbei. Ein zischendes Geräusch war zu vernehmen, was wiederum den Weihnachtsmann in Angst und Schrecken versetzte. So sehr, dass er sich nach dem Eintreten und dem Verschließen der Tür eine Zigarette anzünden wollte, um etwas zu entspannen. Er setzte sich neben Gabi, denn sie schien so viel angenehmer als Frau Weihnachtsmann. Leider wusste Santa Claus nicht, dass Tüftelkönig Kurt Gabi in diesem Jahr mit Gas befüllt hatte. Es gab eine erhebliche Detonation. Paul, Sören und Kurt waren leicht angeschmort und nur noch mit Unterhosen bekleidet. Gabi zersetzte sich nahezu vollständig und verschmolz zu einer Einheit mit ihrem Stuhl. Lediglich eine mit einem kleinen Glöckchen ausgestattete Weihnachtsmannmütze lag neben den Gummiresten. Die drei Verstummten beteten innerlich, dass der rasante Flug des Weihnachtsmannes, der direkt durch die Garagentür aus Blech führte, diesen zumindest bis zum Nordpol bringen würde.

Eventuell, wenn man die Umstände genau betrachtet, fällt die Bescherung in den nächsten Jahren möglicherweise aus. So lange, bis ein neuer Santa Claus gefunden ist oder der bisherige sich weitestgehend erholt hat. „Sti … sti … stille Nacht ge … ge … geht echt anders“, schlussfolgerte Paul.

© Emily Chuck

4 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.