Mutti-Panik

 

Meistens spielt das Leben vor allem eins: verrückt. Und das Kuriose daran ist, dass wir es uns selbst unnötig schwer machen. Jede Mutter kennt dieses Phänomen. Das Kind pupst und wir begeben uns sofort auf Spurensuche. Im blödesten Fall braucht Selina schließlich einen neuen Schlübber, weil das aktuelle Modell möglicherweise eine Schleifspur oder gar Schlimmeres offenbart. Dabei ist das Mädel bereits zehn Jahre alt und kann eigene Entscheidungen treffen. Selina selbst schert sich einen feuchten Furz darum. Sie zieht sich lieber die neusten YouTube-Videos rein.

Ebenso interessiert es den kleinen, fünfjährigen Moritz Herbert Michael, für dessen Namenssuche wir bereit waren, gut und gern drei Wochen unseres jämmerlichen Lebens zu verschwenden, nicht im Geringsten, ob er den Popel nun essen darf oder nicht. Wir hingegen meckern und motzen: „Nein! Iss das nicht!“ Doch wir sind nicht schnell genug, weil Moritz Herbert Michael den Rollpopel bereits mit munterer Miene genossen hat, während wir noch dessen Vornamen in die richtige Reihenfolge bringen mussten.

Genau diese Ungechilltheit brachte Simone, Michaela, Regina, Samantha und mich am ersten Schultag unserer Kinder in der neuen Schule auf eine geniale Idee: Wir brauchten eine WhatsApp-Gruppe, in der wir uns über die Schule und vor allem über unsere Kinder austauschen konnten. Soweit so gut. Blitzschnell erstellte Simone also die „Neue Schule“-Gruppe.

Keine drei Stunden später, in meiner Mittagspause, schaute ich auf mein Smartphone und verspürte schlagartig Atemaussetzer. Zweiunddreißig neue Nachrichten. Eine von Gerda aus der Nachbarwohnung, die ich für den Moment ignorierte, die anderen einunddreißig von „Neue Schule“. Herzrasen! Rote Pusteln im Gesicht! Schweiß auf der Stirn!

Ich atmete kurz durch und las die gesammelten Werke. Nachdem ich auf die Fragen „Versteht ihr den neuen Stundenplan?“, „Wann ist denn morgen Schulbeginn?“, „Müssen die Kinder morgen das Hausaufgabenheft mitbringen?“ kurz und knapp mit „Nein. Ich glaube, um sieben Uhr. Ja klar“, antwortete, trafen bereits zwei Gegenfragen ein. Unglaublich. Nach weiteren zehn Fragen und Antworten beendete ich meine Mittagspause mit der Erkenntnis, dass ich ziemlich schnell genau so schlank wie Heidi Klum sein würde, wenn wir dieses tägliche Pensum dauerhaft beibehielten, denn zum Essen kam ich nicht. Ich überflog daher den Rest und kommentierte lediglich die Nachricht „Bin heute Abend gegen neunzehn Uhr bei dir. Trage deine Lieblingsdessous,“ mit der Gegenfrage: „Samantha, wieso trägst du die Unterwäsche deines Mannes? Grinse-Emoji.“ Somit hätten wir auch geklärt, was Samantha in ihrer Freizeit macht und vier Muttis bekommen diese Bilder mit Sicherheit für die nächsten dreizehn Jahre nicht mehr aus dem Kopf.

Am Abend, als ich endlich zur Ruhe kommen wollte, erblickte ich das nächste Gruppen-Chaos auf meinem Telefon. Einhundertdreiundzwanzig neue Nachrichten aus der „Therapie-Gruppe“ und eine weitere wurde gerade getippt. „Timo hat den Jochen gehauen.“ „Larissa hat ihren Schulranzen im Klassenraum vergessen.“ „Versteht ihr den neuen Stundenplan?“ „Der neue Lehrer ist ganz nett oder?“ „Wann beginnt denn nun morgen die Schule?“ „Brauchen die morgen die Sportsachen?“ „Der Jochen hat den Timo vorher gekratzt. Morgen kläre ich das mit dem Jochen mal von Mutter zu Arschlochkind. Grimmiges, rotes Gesicht-Emojy.“

Ich amüsierte mich eine ganze Weile über diesen Schwachsinn, den wir Muttis fabrizieren. Nicht eins dieser Probleme war für unsere Kinder wirklich gravierend, aber uns Glucken raubte es die letzten Nerven. Deshalb kommentierte ich mit einem Daumen-Hoch-Emojy für das Arschlochkind Jochen und einem „Mh“ und änderte den Namen der Gruppe in „Mutti-Panik“. Dies schien mir einfach treffender.

Ein Poltern im Hausflur holte mich aus meiner WhatsApp Welt. Ich öffnete die Tür. Meine Nachbarin Gerda wurde in einem Sarg abtransportiert. Verzweifelt öffnete ich ihre Nachricht vom Mittag: „Hilfe! Nussallergie!“

© Emily Chuck

 

Liebe Mädels aus der Mutti-Panik WhatsApp-Gruppe. Diese kleine Story ist für euch. Ich hoffe, ich zaubere euch ein Lächeln ins Gesicht und lindere die Panik-Pusteln.

5 Kommentare

  1. lustig. Hätte man Gerdas Ableben verhindern können? Vermutlich ja, aber dann hätte es diese Geschichte nicht gegeben. Puh, ich hoffe mal, es ist nur eine Geschichte. 😉

    Liebe Grüße, Claudia

  2. Glücklicherweise ist das mit der Schule bei uns gegessen…
    Nicht vorzustellen, wenn es damals WhatsApp gegeben hätte. Warscheinlich säße ich als Rabenmutter bei Gerda mit Kaffee und (Nuss)Kuchen 😉
    Danke für diese sehr lustige Geschichte.

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