Lehrer sind doch eh nur „Solche“

 

Natürlich meistern wir Mütter unseren Alltag stets mit Links: Wir versorgen die lieben Kinder und schenken durchaus auch den Exemplaren, die innerhalb von Sekunden zu lebenden Nervensägen mutieren, Zuneigung und Aufmerksamkeit. Dies geschieht nicht, weil wir müssen, sondern … weil uns irgendein „Vater“ mit atemberaubenden Grübchen wenige Jahre zuvor schöne, blaue Augen und vor allem eben dieses Gör gemacht hat. Mit etwas Pech lebt dieser Urmensch noch immer gemeinsam mit uns in einem Haushalt, sodass wir auch ihm den Hintern nachtragen. Mit Glück ist er längst über alle Berge und überweist zumindest regelmäßig den Mindestunterhalt für Selina und den kleinen Moritz Herbert Michael. Wir gehen unserem Vollzeitjob in einem kleinen, muffigen Büro nach und müssen uns ständig vom cholerischen Chef triezen lassen, dessen arme Mutter, bei der er noch immer wohnt, definitiv Humor oder ein starkes Seil benötigt.

Wenn die Kinder mit düsterer Miene dreinschauen, weil sie die Hausaufgabenstellung „Vervollständige die Mauer“ nicht einmal dem richtigen Unterrichtsfach zuordnen können, sind wir Mütter sogar erfinderisch. Ich für meinen Teil kommentiere Hausaufgaben sehr gern. In diesem Fall zum Beispiel mit den Worten „Nicht mehr nötigt. Deutsche Einheit bereits vor vielen Jahren erfolgt. Bitte fordern Sie neue Lehrbücher zum aktuellen Zeitgeschehen an.“ Wenn ich gut drauf bin, korrigiere ich sogar noch die handschriftlichen Fehler des Lehrers in der Aufgabenstellung mit dem Vermerk: „Neue Lehrbücher würden auch den Vorteil bringen, dass selbst Sie die neue deutsche Rechtschreibung beherrschen“. Kurzum: Wir bringen unseren Kindern Selbstständigkeit bei oder zeigen ihnen zumindest, wie man unauffällig und vor allem glaubwürdig die Halbwahrheit erzählt, um sich durchs Leben zu mogeln.

Aber hey, das alles ist kein Problem für uns, denn wenn es das wäre, wären wir Väter geworden! Dennoch steht auch uns Müttern zumindest ab und an ein wenig Wellness zu. Für uns heißt es eben nur anders … Wir nennen es „Elternabend“. Eine Freakshow vom Feinsten, FSK dreißig. Wir begutachten den neuen Lehrer, um dessen Kompetenz zu beurteilen … vergebens. Lehrer sind doch eh nur … „Solche“. Solche, die sich für ihre verkorkste Kindheit rechen wollen. Solche, die dem Druck der Gesellschaft nicht gewachsen sind und regelmäßig Ferien brauchen und Solche, die aufgrund eines übel nach Autorität klingenden Namens gar keine andere Wahl haben als Berufs-Klugscheißer zu werden. Sicher wird auch Moritz Herbert Michael einmal Lehrer!

Doch auch der neue Berufs-Klugscheißer hat es sicherlich nicht leicht. Vierundzwanzig mehr oder weniger muntere Gesichter blicken in seine Richtung. Darunter auch drei behaarte: Herr Müller, Herr Meyer und Frau Sigmund. Wir sehen die Unschlüssigkeit in den erstaunten Augen des Lehrers: Frau oder Herr? Bart oder Kosmetikunfall? „Sigmund“ als Vor- oder Nachname? Mensch? … Kollege? … Wenn Ihr Deppen wüsstet, dass ich so gar keinen Bock auf euch habe!

Unsere Kinder bekommen von der Mutti-Wellness nichts mit. Sie feiern unterdessen zuhause die Party ihres Lebens, mit Eis, Zigaretten und ohne Zähneputzen. Sie schauen sich YouTube-Videos an, in denen die wunderbarsten und modernsten, nur wenige hundert Euro teuren Hightech-Spielzeuge vorgestellt werden. Selbstverständlich in einer ähnlich amüsanten Präsentationsweise, wie es bei einschlägigen Massenveranstaltungen für überteuerte Plastik-Wunderdosen der Fall ist.

Doch eines Tages – in meinem Fall heute – werden wir aus unserer starren Sichtweise herausgerissen, und zwar dann, wenn der „Solche“ gefühlt gar kein echter Lehrer ist. Wir Weiber aus der Mutti-Panik-Gruppe, die anderen Wellness-Teilnehmerinnen, Herr Müller, Herr Meyer und … Sigmund finden uns urplötzlich in einer Comedy-Show wieder. Ein Lehrer, der die genervten Eltern zum Lachen bringt. Einer, der einen Plan von Kids – den braven und selbst den nervigen – hat, der sie mit genialen Klassenausflügen „besticht“, ihnen Honig ums Maul schmiert, nur damit sie sich um Himmels Willen benehmen und der sogar eine WhatsApp Gruppe ins Leben rufen möchte, um für alle Kinder direkt ansprechbar zu sein. Und das, obwohl er sich weder mit WhatsApp auskennt, noch ein Smartphone besitzt, mit welchem er diese App nutzen könnte. Gelächter im Raum! Nein, so etwas haben wir noch nicht erlebt. Klar könnte man sagen: „Der manipuliert die kleinen zwiegespaltenen Terroristen.“ Fakt ist aber: Wir Eltern tun genau das auch, um aus unseren Kleinen das Beste herauszuholen, damit sie sich – hoffentlich bald – möglichst effektiv allein im Leben durchschlagen oder zumindest erfolgreich durchschnurren können.

Erstaunte, lächelnde, erleichterte Eltern schauen sich an, während Elvira es auf den Punkt bringt: „Torben Marcel hat gesagt, der Neue ist total gechillt.“

© Emily Chuck

 

Vielen Dank an die netten Lehrer in „der neuen Schule“, die nicht nur meinem Kind Begeisterung abgewinnen können. Ich denke, ich spreche im Namen aller Eltern.

5 Kommentare

  1. Als Mutter von fünf nun erwachsenen Kindern habe ich mir auf zig Elternabenden den Po platt gesessen. Nie ist nur etwas Gescheites dabei entstanden, außer Profilierungen. Was für eine Menge verschenkte Lebenszeit. Da hätte ich mal lieber zu Hause in der Badewanne Wellness machen sollen.
    Doch wenn du nicht hingehst, hat dein Kind schlechte Karten… SOLCHE, wie auch immer sie sein mögen, merken sich das nämlich. – Mutter von Hannah Sofie nicht anwesend… Womöglich im Wannenbad, wie selbstsüchtig, auch wenn er selbst lieber dort säße…. Ein Selfi mit einem Glas Sekt in der Hand an alle der Mutti-Panik-Gruppe. Der einzige gechillte Lehrer, den ich jemals kennengelernt habe, war passionierter Hanf Konsument mit einem daraus folgenden Dauerlächeln auf den Lippen….
    Sehr treffend geschrieben liebe Emily, ich freue mich schon auf Neues von dir.

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