Geburtstagsgeschenk-Auftrags-Kurzgeschichten-Dilemma

 

Es gibt Menschen, die trifft man und schließt sie sofort ins Herz. Und es gibt Personen, die trifft man … am besten dorthin, wo es wehtut. Die, die man sofort ins Herz schließt, sind meist besonders. Besonders liebenswert oder besonders durchgeknallt. Ich mag die Kombination aus beidem, in jedem Fall aber besonders.

Diese Besonderheit stellt mich jedoch vor eine unheimliche Herausforderung: Ich bekam kürzlich von einem liebenswert, durchgeknallten Menschen eine Geburtstagsgeschenk-Auftrags-Kurzgeschichte auf beide Augen gedrückt. Das Schwierige: Die Erzählung sollte für eben diese Person geschrieben werden, da sie stets mit voller Begeisterung auf Neuerscheinungen aus meiner Tastatur wartet. Kein Ding, dann knalle ich eben eine Widmung darunter: „Für meine liebenswert, durchgeknallte Nachbarin“, oder so ähnlich. Somit wäre das erste Problem abgegessen. Die zweite Herausforderung: Natürlich soll sich in dieser Geschichte alles um diese Frau drehen. Ja … ähm … Hallo? Meine Storys sind gespickt mit Ironie. Und vor allem erzählen sie etwas. Ironie ohne Kritikpunkte funktioniert jedoch nicht. Es gibt eben Menschen, die sind so aalglatt (oder tun zumindest so), dass es schwerfällt, einen Aufhänger zu finden. Etwas über jemanden zu schreiben mit liebevoll verschnörkelten Worten, in feinstem Deutsch und mit solch herzzerreißender Inbrunst, dass mir die Tränen auf die Tastatur laufen? Na soweit kommt’s noch.

Doch an diesem Punkt ist das Spiel noch nicht verloren. Als Autorin bin ich sehr kreativ und wo keine Probleme und Kritikpunkte bestehen, bastele ich sie mir einfach zurecht, meine Liebe. Die Zauberkiste der Schreiberlinge! Auch ich kann kleine, weiße Karnickel aus dem schwarzen Zylinder zaubern. Verbal. Schnall dich an, Puppe! Geburtstagsgeschenk-Auftrags-Kurzgeschichte? Dass ich nicht lache

Und nur der Vollständigkeit halber möchte ich an dieser Stelle eine Widmung einfügen: „Für meine liebenswert, durchgeknallte Nachbarin“, die aktuell sicherlich noch frohen Mutes ist.

Es begab sich also zu dieser Zeit. Nee, diese Einleitung funktioniert nicht bei Ironie. Löschen und von vorn. Als ich vor einigen Monaten in meine Wohnung einzog. Passt irgendwie auch nicht. Neulich abends vor dem Fernseher – es lief Verdummungs-TV – schreckte ich plötzlich auf. Ein lautes, klirrendes Geräusch drang aus der Nachbarwohnung. Endlich ein Lichtblick für eine spannende Geschichte. Angst durchfuhr meinen Körper. Was war das? Sicherlich haben sich Frau und Herr Nachbar gestritten. Bitterböse. Zwar ohne Worte … aber bitter-, bitterböse. Weil sie womöglich keinen Ausweg aus dieser lästigen Situation wusste, nahm sie das Geschirr und warf es über den Tisch, direkt in seine Richtung. Es zersprang in Scherben. Eine dicke, blutige Wunde klaffte in seinem Gesicht. Ja, so muss es gewesen sein und nicht anders! Kurz zuvor teilte er ihr möglicherweise mit, dass er vergessen hatte, die Butter zu kaufen. Ein NoGo, schließlich ist die Butter für ein jedes gutes Abendbrot essentiell. Brot ohne Butter geht gar nicht! Somit wurde sie, die einen stressigen Tag hatte, leicht aggressiv. Vielleicht ist sie cholerisch. Das ist gut. Das ist sehr gut. Toller Spannungsbogen. Ich fragte kurz per WhatsApp nach, ob alles in Ordnung war. „Ja, sind nur drei Tassen vom Tisch gefallen“, lautete die Antwort.

Seht ihr, ich hab es euch gesagt. Sie war sauer auf ihn, weil er die Butter … Also zückte sie die verdammten Tassen, die sie ohnehin längst entsorgen wollte, weil sie potthässlich waren. Aber es waren seine Tassen, er hatte sie von seiner Mutti geschenkt bekommen, deshalb verbot er das. Er muss seine Mutti wirklich sehr lieben, wenn er diesen Mist behält, dachte ich damals, als ich zum ersten Mal zum Kaffee eingeladen wurde und aus diesen Näppen schlürfen musste. Und macht euch bitte keine Hoffnung. Der Inhalt der Tasse schmeckte ebenso furchtbar. Aber was sollte ich machen? Einfach sagen: „Hey, schön, dass wir uns vor zehn Minuten kennengelernt haben. Ihr seid liebenswert, durchgeknallt. Eure Tassen sind Müll und der Kaffee schmeckt Scheiße. Aber hey, nett, dass ihr euch zukünftig den spießigen Hausflur mit mir teilt?“

Zurück zum Thema. Sie war also sauer und dachte: Hoch die Tassen. Drauf auf den Deppen damit. Ich brauche den eh nicht mehr, wenn er immer die Butter vergisst. Brot ohne Butter ist total blöd. Ich bin so unzufrieden mit der Welt. Um mich herum nur Amateure … und einer der ständig die Butter vergisst. Eigentlich möchte ich heulen. Es ist zum Verzweifeln. Jeden Tag erzähl ich ihm, er soll an die blöde Butter denken … und an Waschmittel, Eier, Toilettenpapier. Und wenn er ohnehin schon unterwegs ist, kann er auch die Wäsche mit in den Waschkeller nehmen, die Maschine einschalten. Eigentlich könnte er auch gleich noch den Müll entsorgen. So macht das Zusammenleben für mich wirklich keinen Sinn mehr. Es ist trostlos! Ich lasse mich scheiden. Scheidungsgrund: „Butter, Müll und Wäsche!“ Kurzum sie musste wirklich wütend auf ihn gewesen sein. Verständlicherweise. Ich würde mir ja auch viel gefallen lassen, aber wenn jemand die Butter vergisst. Also das wäre bei Gott auch für mich ein Grund, diese dämlichen Tassen vom Tisch zu werfen. Jetzt wird es doch noch eine gute Geschichte, ganz nach meinem Geschmack. Gott sei Dank.

In Rage vernehme ich plötzlich ein weiteres Piepen bei WhatsApp. Eine zweite Nachricht, die offensichtlich in der WLAN-Schleife festhing: „Mein Mann hat einen Witz erzählt, während ich den Tisch abräumte. Vor Lachen fielen mir die Tassen aus der Hand.“

Ja! Und ich komme vor Lachen nicht in den Schlaf. Ihr seid echt keine guten Hauptakteure für eine Kurzgeschichte … Und schon gar nicht für einen Roman!

Hatte ich es bereits erwähnt? Diese Geschichte ist für meine liebenswert, durchgeknallte Nachbarin.

Hat noch jemand Bedarf?

© Emily Chuck

1 Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.