Fünf Minuten Spreewald

 

Der Spreewald mit all seinen Facetten ist wirklich herrlich. Die atemberaubende Natur, die einzigartige Wasserlandschaft, romantische Kanufahrten, die leckeren Gurken. Der richtige Ort also, um zu entspannen und den Alltag für ein paar Tage hinter sich zu lassen. Oder Stunden. Oder Minuten. Das dachten sich wohl auch meine Eltern vor ein paar Wochen und haben kurzerhand beschlossen, mich meinem Alltag zu entreißen. Vielen Dank für diesen unbeschreiblichen Tag!

Es war Freitag, kurz vor Mittag. Ich wollte mich gerade an das nächste Kapitel meines Romans setzen, hatte bereits alle Unterlagen sortiert und Kaffee gekocht. Doch in dem Moment als ich meinen Hintern auf dem Stuhl platzieren wollte, begann das Glück im Unglück: Das Telefon klingelte. Auf dem Display erschien der Name „Mama“. Sicher will sie mir erzählen, dass sie die volle Fahrt in Richtung Urlaub aufgenommen haben. Das tat sie auch. Allerdings gab es in der Berichterstattung einen kleinen Haken: „Naja, also wir sind ja auf dem Weg in den Urlaub“, sagt sie mit leiser, fragender Stimme.

„Ja“, antwortete ich angespannt. „Und?“

„Nun es ist so. Wir haben den Schlüssel für das Boot vergessen.“

„Na Jackpot. Bootsurlaub ohne Bootfahren“, konterte ich etwas kühl, wohl wissend, worauf die Diskussion hinauslaufen sollte.

Kurzum: Ich ließ alles stehen und liegen und tat, was man von mir erwartete, setzte mich ins Auto, um den Schlüssel zu holen und mal eben gefühlte vierhundert Kilometer ätzende Autobahnfahrt in Kauf zu nehmen. Am Freitagnachmittag! Der ultimative Autobahn-Raser-Spaß … Nicht! Wer solche Eltern hat, hat keine Zeit für Hobbies.

Sicher kennt jeder dieses Phänomen, dass man scheinbar der einzige normale Autofahrer auf der Piste ist. Um einen herum nur Sonntagsfahrer! Zum Freitag! Keinen Plan von solch essentiellen Dingen wie Reißverschlusssystem, Verkehrsbeschilderung und Rechtsfahrgebot. Und was passiert garantiert, wenn man es eilig hat? Es findet sich immer ein sich selbst überschätzender Rentner, der sich zu einhundertzwanzig Prozent an die ausgewiesene Geschwindigkeit hält. Die zwanzig Prozent mehr Zuverlässigkeit zieht Alfred Opa spontan von der vorgeschriebenen einhundertdreißiger Geschwindigkeit ab und fährt exakt einhundertfünfzehn Kilometer pro … Tag. Vor Wut biss ich ins Lenkrad.

Nach zirka einer halben Stunde Autobahnfrust setzte beiläufig der Gedanke ein, wie man eigentlich so verpeilt sein kann, den Schlüssel zuhause zu vergessen. Leute gibt’s. Oder eben Eltern. Ich schüttelte den Kopf. Kurz darauf nahm ich die nächste Ausfahrt, um in Richtung Heimat umzulenken. Ich hatte den Schlüssel vergessen! Zum Weinen war mir nicht zumute. Im Gegenteil: Ich feierte im Auto meine eigene Party und hatte große Freude. Schlimmer konnte es schließlich nicht kommen. Dachte ich. Einen halbstündigen Umweg später befand ich mich wieder auf dem Autobahn-Höllentripp. Der Opa, den ich vor einer gefühlten Ewigkeit endlich davon überzeugen konnte, sich von der Selbstmörderspur auf die rechte Fahrspur einzuordnen, tuckerte nun wieder vor mir. Déjà-vu. Neben mir rollte ein steinalter Hippiebus, der in seinen letzten Zügen röchelte. Vermutlich galt das auch für die bekifften Mitfahrer, die freundlich aus dem Fenster winkten. Der Typ aus der letzten Reihe streckte mir voller Begeisterung seinen nackten Po entgegen. Wobei es eine Weile dauerte, bis ich das Elend erkannte, was nicht zuletzt der Tatsache geschuldet war, dass der gesamte Innenraum des Kifferverein-Vehikels extrem verqualmt war. Wenn die doch nur dem Opa vor mir ein wenig Entspannung abgeben könnten … Oder mir. Einmal tief einatmen bei offenem Fenster des Busses würde ausreichen, um die Lage zu beruhigen. Da war ich mir sicher.

Eine Stunde später (ich hatte mir beim Auftragen des in der Sonne geschmolzenen Lippenpflegestiftes dessen gesamten Inhalt im Gesicht verteilt), bestand endlich ein Grund für wahre Begeisterung. Im Eiltempo näherte er sich. Der Spreewald. Mit all seinen Facetten. Die atemberaubende Natur, die einzigartige Wasserlandschaft. Ich dachte an die verliebten Pärchen, die bei einer Kanufahrt ihrem Glück frönen, um anschließend einen Absacker und leckere Gurken zu genießen. Ein Traum. Der richtige Ort, um zu entspannen. Eigentlich. Fünf Minuten Spreewald. Gesichtet aus der Ferne, von der Autobahn aus. Im Eiltempo. Bei Überschreitung der vorgeschriebenen Geschwindigkeit um diese gewisse Toleranz, die von der Polizei hoffentlich nicht geahndet wird. Und hey, es wartete ja auch noch der Rückweg auf mich. Ganze zehn Minuten entkam ich an diesem Tag somit dem Alltag. Großartig! Danke! Eltern eh …

© Emily Chuck

 

Vielen Dank an die besten Eltern der Welt für die tolle Inspiration. Worte können nicht beschreiben, wie sehr ich euch liebe … Auch, wenn ihr mich regelmäßig in den Wahnsinn treibt 😀

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