Erika Frechdachs und der schnurrende Neuling

 

Ich bin Erika Frechdachs, ein kleines schwarz-weiß-graues Katzenkind. Jeden Tag gehe ich auf Entdeckungstour. Dabei reiße ich die Gardinen vom Fenster, klaue meiner Mama das Butterbrot vom Teller oder fange die Fliegen, die in unserer Wohnung an der Wand sitzen. Danach esse ich sie. Sie machen zwar nicht satt, aber schmecken köstlich. Und manchmal krabbeln die kleinen Fliegenbeinchen über meine Zunge. Das ist lustig, kann ich Euch sagen. Da muss ich aufpassen, dass ich sie vor Lachen nicht wieder ausspucke.

Bisher verbrachte ich mein Katzenleben damit, meiner Mama um die Beine zu schnurren oder auf ihrem Bauch zu schlafen, wenn sie auf der Couch lag und las. Doch was mir letzten Samstag passierte, das glaubt Ihr nicht:

Also, ich war allein zuhause, verbrachte den Vormittag auf der Fensterbank und beobachtete Egon. Egon ist ein Wellensittich, der in der Wohnung gegenüber wohnt. Seine Eltern haben ihn hinter Gitter gesperrt und auf dem Balkon abgestellt. Wahrscheinlich war er böse. Das würde mich nicht wundern, denn mich ärgert das Federvieh auch immer. Er weiß nämlich genau, dass ich hinter der Fensterscheibe hocke und ihn nicht in den Hintern beißen kann, wenn er mich flügelschlagend provoziert.

Alles in allem war der Tag recht gechillt, zumindest bis Mama nach Hause kam. Als sie die Wohnungstür öffnete, rannte ich ihr mit Vollgas entgegen. Große Freude. Wenn sie nach Hause kommt, gibt es Streicheleinheiten nur für mich. Kein Wunder, ich bin Mamas Liebling. Sie liebt mein weiches Flauschefell. Damit kann ich sie immer um den Finger wickeln. Mama verzeiht mir alles.

Doch an diesem Tag betrat Mama die Wohnung nicht allein. Sie hatte ein kleines Gefängnis in der Hand, was fast so aussah wie das vom durchgeknallten Feder-Egon.

Oh nein, Mama schleppt uns einen Verbrecher an, dachte ich ängstlich, als ich plötzlich eine kleine rot-weiße Fellbommel erblickte, die mich provozierend angrinste. »Eh, wer bist du und was machst du in meiner Wohnung?«, wollte ich wissen. »Was geht, Erika Frechdachs? Ich bin der Neue, Prinz Salomon. Mama hat mir auf der Fahrt hierher schon viel von dir erzählt«, schnurrte mich die Fellbommel aus dem Gefängnis heraus an.

Mama? Hat er sie gerade Mama…? »Hast du sie gerade Mama genannt? Was fällt dir ein? Sie … « Ich peitschte mit der Schwanzspitze drohend in Mamas Richtung. »…ist meine Mama, nicht deine!« Den Neuen interessierte das leider überhaupt nicht. Als Mama das Gitter vom Gefängnis öffnete, sprang er direkt heraus in meine Richtung und warf mir seine Flausch-Pranken mitten ins Gesicht. Was ist das denn bitte für eine Frechheit? Der kommt in mein Revier, springt aus dem Gefängnis als sei er ein Superheld, und will spielen? »Eh Kleiner, das hier ist nicht die Krabbelgruppe. Das hier ist MEIN Zuhause. Und mit meiner Mama hast du schon mal gar nichts zu tun. Verschwinde wieder!«

Ich war total aufgeregt und was machte der Neue? Schnurrte mir frech um die Nase. »Hallo? Du sollst verschwinden! Meine Wohnung! Meine Mama…Hihi, das kitzelt. Oh bist du aber schön weich«, stellte ich fest. »Aber bilde dir bloß nicht ein, dass mich das…Oh und wie schön du schnurrst. Ich liebe es. Schnurr«, musste ich zugeben. »Aber wir werden trotzdem keine Freunde!«

Im Vorbeigehen streckte Mama mir nun endlich auch ihre Hand entgegen und betüddelte nicht nur den Neuen. »Na meine liebe Erika Frechdachs. Jetzt hast du endlich einen Spielkameraden«, sagte sie und wollte mir über den Rücken streicheln. Blöde Mama, dachte ich, schaute zur anderen Seite und verschwand zu meinem Lieblingsplatz am Fenster. »Ich bin jetzt beleidigt. Ich lasse mich doch nicht von einer Mama streicheln, die mir so einen Neuen anschleppt. Die spinnt wohl!«, sabbelte ich in meine Schnurrhaare. »Püh!«

Von der Fensterbank aus konnte ich beobachten, wie der Neue in die Küche stolperte. »Eh Mama. Das sind meine saftigen Fleischbrocken. Sie liegen in meinem Napf. Was will er an meinem Napf? Tu den da weg!«, fauchte ich vor mich hin, als ich Mama entgegensprang. Aber es war aussichtslos. Sie verstand mich nicht. »Ein Desaster! Wie in diesem Märchen…Wer hat aus meinem Näppelchen gefressen? Wahrscheinlich will er gleich auch noch in meinem Bettchen übernachten. Blödmann der!», moserte ich weiter. »Mama, ich bin echt so beleidigt. Das kannst du nicht wieder gut machen. Schleppst mir einfach diesen Fellklops an.«

Ich sprang wieder auf die Fensterbank und beobachtete den durchgeknallten Egon. Sein Gezappel hypnotisierte mich und sorgte dafür, dass ich einschlief. Im Halbschlaf wurde mir plötzlich ganz warm. Ich öffnete mein rechtes Auge ein kleines Stück und erkannte, dass die Neulings-Pfote auf meinem Bauch lag. Prinz Salami, oder wie immer er auch gleich hieß, umarmte mich. Er war so warm und weich. Und er schnurrte wie verrückt. Noch ganz verschlafen murmelte ich: »Danke Mama, dass du mir den Neuen zum Spielen mitgebracht hast. Er ist eigentlich ganz okay. Aber ich bin trotzdem echt beleidigt.»

© Emily Chuck

 

Für meine wundervolle Tochter. Ich liebe dich.

2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.