Alter, weiser Mann

 

Jeder kennt ja diese Tage, an denen der Stresspegel in einen Bereich ansteigt, in dem man irgendwie zwischen Haare raufen, Aggressions-Kiffen oder andere-Leute-die-Treppe-hinabschupsen steckt. Faktisch ist eine Sache blöd: Wenn man so oft Stress hat, dass einem so langsam diese Leute ausgehen. Ob in diesem Kaff deshalb nur noch so wenige Leute wohnen?“, frage ich mich und fange sarkastisch an zu grinsen. Möglicherweise, wenn man alle Umstände genau betrachtet, bin ich an der Abwanderung nicht ganz unschuldig. Andererseits will mich auch niemand erleben, wenn ich gestresst bin. Von daher gönne ich den Ausgerissenen ihr Glück in der neuen, trauten Heimat und begnüge mich beim morgendlichen Treppenschubsen eben mit den Übriggebliebenen, vom Schicksal Gezeichneten. Eine Entschuldigung meinerseits geht an dieser Stelle an Sabrina aus einer der unteren Etagen. Tut mir echt leid, dass dein Bein den physikalischen Gesetzen des Falles gestern Morgen nicht standgehalten hat. Ein lieb gemeintes „Hals- und Beinbruch“ wirkt in dieser Situation wohl etwas skurril oder?

Für die Experten unter Ihnen liegt sicherlich die Lösung nahe: Stress abbauen! Für mich sieht die Sache etwas anders aus, denn mein Stress und ich, wir gehören zusammen. Wir hassen und wir lieben uns. Aber wir haben so viele Gemeinsamkeiten. Wir können nicht stillsitzen, haben immer tausend Dinge im Hinterkopf, die noch erledigt werden müssen. Im Grunde sind wir wie ein altes Ehepaar, dass sich pausenlos ankeift, aber aus Sturheit auch nach 50 Jahren Ehe keine Scheidung in Betracht zieht. Das sehen mein Stress und ich wirklich nicht ein! Aber wir lassen uns nicht unterkriegen. Auf gar keinen Fall! Und mal ehrlich: Stress und ich haben auch viel Spaß gemeinsam. Wir springen, singen, tanzen, lachen, lernen interessante Menschen kennen … Eigentlich fast ununterbrochen. Man könnte sagen, wir haben uns als notwendiges Übel akzeptiert, nur an der Toleranz zueinander müssen wir noch arbeiten. Auch ich bin für meinen Stress sicher nicht leicht zu ertragen, denn im Grunde bin ich ein lieber, harmloser, ruhiger, besonnener Mensch. Ich denke optimistisch und die meisten Leute in meiner Umgebung kennen mich durchweg gut gelaunt. Für meinen Stress, der das Chaos für sich beansprucht, könnte genau das aber tödlich sein. Dies ist mir durchaus bewusst, sodass wir die Harmonie zwischen uns im Laufe der Zeit wieder in Einklang bringen mussten. Mein Stress hat mir versprochen, dass wir fortan keine Leute mehr von Treppen schubsen … Meistens.

Wir haben eine gute Strategie entwickelt. Diese besteht aus lieben Freunden und einer Art Wunderwaffe: Einem alten, weisen Mann, der permanent den Anschein erweckt, im Leck-Mich-Modus zu stecken. Ich kann Ihnen, lieber Leser, nur empfehlen, dem Burnout zu trotzen. Stehen Sie dem Nervenzusammenbruch Auge in Auge gegenüber, grinsen Sie dreckig, atmen Sie tief durch, ballen Sie die Faust der linken und erheben Sie langsam den Mittelfinger der rechten Hand. Und dann – wie aus dem Nichts – zaubern Sie diesen alten, weisen Mann aus dem Zylinder. Wie ein übriggebliebenes, weißes Karnickel einer Zaubershow aus den Neunzigern. Einen Scheinpriester, der solche Weisheiten draufhat wie: „Morgen wird alles besser“, „Wir lassen uns vom Stress doch wohl nicht unterkriegen“ oder (mein persönlicher Favorit) „Du hast es am besten … Gleich nach mir.“ Auch wenn es den Stress kein Stückchen mindert und ich aufgrund meines Treppen-Täter-Profils unverzüglich an die zwei Stufen am Eingang denken muss, frage ich mich bei all der Weisheit, Besonnenheit und Klugheit vor allem eins: Wie viel Whisky muss man wohl trinken, um diese Mir-doch-egal-Einstellung zu bekommen? Unfassbar! Und für einen kurzen Moment beruhigt es mich tatsächlich.

Mir ist klar, dass nicht jeder einen alten, weisen Mann kennt. Deshalb möchte ich Ihnen einen Tipp geben: Laufen Sie durch die Straßen und suchen Sie nach ihm. Sie erkennen ihn an der allgemein gechillten Haltung, einem stets ironischen Unterton und einer Mütze. Ganz wichtig bei der Auswahl: Stellen Sie unbedingt sicher, dass Ihr Alter, Weiser nur so tut als könnte ihm sein persönlicher Stress nichts anhaben. Suchen Sie sich einen aus, der eine gewisse Grundentspannung nahezu perfekt vortäuscht und gleichzeitig regelmäßig den Sarkasmus zelebriert. Letzterer dient als Voraussetzung für dieses gewisse „Leck-mich-Feeling“.

Nachtrag: Verlassen Sie sich auf keinen Fall auf eine Frau, da sie ansonsten einmal im Monat verlassen sind. Der Alte, Weise hingegen funktioniert jederzeit absolut zuverlässig.

® Emily Chuck

 

Vielen Dank an den alten, weisen Mann 😉

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